„10 Jahre Handlungskonzept Tolerantes Brandenburg“
Das Handlungskonzept „Tolerantes Brandenburg" gibt es seit inzwischen 10 Jahren im Land Brandenburg. Auf dieser Seite finden Sie zwei Video-Beiträge und die Rede des Schauspielers Ralf Herforth vom 24.Juni 2008 anläßlich der Festveranstaltung im Potsdamer Hans-Otto-Theater.
Video: Was ist Toleranz? (Filmbüro Potsdam)

Die nachfolgende Rede wurde vom Schauspieler Ralf Herforth am 24.06.08 auf der Festveranstaltung der Landesregierung Brandenburg zu „10 Jahre Handlungskonzept Tolerantes Brandenburg“ vorgetragen
Eine Bemerkung zum Umgang mit Zitaten
Im Rahmen festlicher Anlässe ist es mitunter üblich, dass jemand - am besten ein Schauspieler - einen bekannten Text vorträgt, der einen realen oder angestrebten moralischen Konsens in der Gesellschaft beschreibt.
Spricht man über Religionsfreiheit ist es erfolgreich die Ringparabel aus „Nathan der Weise“ von Lessing vorzutragen.
Geht es um die Rechte von Kindern stecken ähnliche Potentiale im „Kaukasischen Kreidekreis“ von Brecht.
Vergleichbares hatten wir vor in Bezug auf die Entwicklung einer toleranten Gesellschaft in Brandenburg.
Doch so einfach lässt sich ein solches Vorhaben nicht verwirklichen. Ein Werk zu finden, in dem streitbare Toleranz als normativer Gehalt für das Handlungskonzept „Tolerantes Brandenburg“ vermittelt wird, ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Wir recherchierten zu Personen der Zeitgeschichte, die für die Identität von Brandenburg existentiell wichtig sind.
Relativ schnell fündig wurden wir bei Albert Einstein:
1934 schrieb Einstein einen Artikel zum Thema „Toleranz“ für eine Zeitschrift in Amerika. Als die Herausgeber Änderungen vornehmen wollten, mit denen er nicht einverstanden war, zog er den Artikel zurück, und er wurde nicht veröffentlicht. Hier folgen einige Ausschnitte:
„Wenn ich nun darüber nachdenke, was eigentlich Toleranz sei, fällt mir die drollige Definition ein, die der humorvolle Wilhelm Busch von der Enthaltsamkeit gegeben hat:
Enthaltsamkeit ist das Vergnügen
An Dingen, welche wir nicht kriegen.
So möchte ich sagen: Toleranz ist das menschenfreundliche Verständnis für Eigenschaften, Auffassungen und Handlunge anderer Individuen, die der eigenen Gewohnheit, der eigenen Überzeugung und dem eigenen Geschmack fremd sind.
Toleranz heiß also nicht Gleichgültigkeit gegen das Handeln und Fühlen des oder der andern; es muss auch Verständnis und Einfühlung dabei sein…
Das Große und Edle kommt von der einsamen Persönlichkeit, sei es ein Kunstwerk oder eine bedeutende schöpferische wissenschaftliche Leistung. Die europäische Kultur erlebte ihren wichtigsten Aufschwung aus dumpfem Verharren heraus, als die Renaissance dem Individuum Möglichkeiten zur freien Entfaltung bot.
Die wichtigste Art der Toleranz ist deshalb die der Gesellschaft und des Staates gegen das Individuum. Der Staat ist gewiss nötig, um dem Individuum die Sicherheit für seine Entwicklung zu geben, aber wenn er zur Hauptsache wird und der einzelne Mensch zu seinem willenlosen Werkzeug, dann gehen alle feineren Werte verloren.
Wie der Fels erst verwittern muss, damit Bäume auf ihm wachsen können, und der Ackerboden erst aufgelockert werden muss, damit er seine Fruchtbarkeit entfalten kann, so sprießen auch aus der menschlichen Gesellschaft nur dann wertvolle Leistungen hervor, wenn sie genügend gelockert ist, um dem einzelnen freie Entfaltung seiner Fähigkeiten zu ermöglichen.“ Soweit Einstein…
Toleranz verbindet man - das ist Allgemeinwissen - mit dem "Großen" der brandenburgischen Kurfürsten und dem "Zweiten" Friedrich der Preußenkönige.
Am 29.10.1685 setzte der Große Kurfürst seine Unterschrift unter ein Dokument, welches 20.000 Glaubensflüchtlinge aus Frankreich dazu bewegen sollte, sich in seinen Ländern niederzulassen.
Autor dieses Edict´s war der geheime Kammersekretär und spätere Kabinettsminister Heinrich Rüdiger Illgen. Mit dem "Edikt von Potsdam" gewährte der Kurfürst Friedrich Wilhelm seinen "Glaubensgenossen französischer Nation" zahlreiche Privilegien sowie mit eigenen Pastoren und Richtern auch eine gewisse Eigenständigkeit, die jedoch keineswegs zur Isolation der Neuankömmlinge führte.
Das "Edict von Potsdam" beabsichtigt keine bloße Tolerierung oder Duldung. Die ANDEREN, die Hugenotten, sind als Bereicherung anzusehen. Unser Problem jedoch: das Toleranz-Edict ist eine Lektüre zum Lesen, aber nicht zum Vortragen.
In meinem Staate kann jeder nach seiner Facon selig werden, ist auch nicht Bestandteil einer Abhandlung von Friedrich II., welche man wirksam vortragen kann, sondern ist eine Randbemerkung (vom 22.06.1740) an ein Schriftstück, welches an ihn gerichtet war.
Darin ging es um die Frage, ob die wegen der römisch-katholischen Soldatenkinder eingerichteten Schulen beibehalten oder aber im Interesse der Einheit und Reinheit der evangelischen Landeskirche abgeschafft werden sollen.
"Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und mus der fiscal nuhr das auge darauf haben das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Façon Selich werden." Zitat Ende…
Also muss Theodor Fontane ran - bei Fontane muss sich zwingend etwas finden, so dachten wir, was in literarisch verdichteter Form streitbare Toleranz umschreibt.
Ein Mausklick im Internet - ein Zitat von Fontane taucht dutzendfach auf:
„Bloßes ignorieren ist noch lange keine Toleranz“.
Doch den Text, in dessen Kontext diese Position entwickelt wird offenbart das Internet nicht. Wir konsultieren Theodor Fontane Experten und erhalten nach einem langen Telefon- Internet- Schriftwechsel folgende Auskunft:
„Der wohl beste Fontane-Kenner überhaupt (wer das ist, wollte mir keiner sagen), ist sogar Besitzer einer Krawatte mit diesem wunderbaren Zitat. Dessen Quelle sucht er seit mehr als 12 Jahren.
Man kann also mit einiger Sicherheit sagen, dass es sich dabei um eine Zuschreibung handelt, um kein verbürgtes Zitat. Es empfiehlt sich wohl, den betreffenden Satz im Umfeld des Bundespräsidenten lieber nicht zu benutzen, um eventuelle Peinlichkeiten gar nicht erst entstehen zu lassen.“
Das Fahnden nach diesem Zitat und seinem Kontext fördert aber interessante Texte von Fontane zu Tage.
Zum Beispiel heißt es in „Unwiederbringlich“: »Ja«, sagte sie. »Man muss sich untereinander helfen, das ist eigentlich das Beste von der Ehe. Sich helfen und unterstützen und vor allem nachsichtig sein und sich in das Recht des andern einleben. Denn was ist Recht? Es schwankt eigentlich immer. Aber Nachgiebigkeit, einem guten Menschen gegenüber, ist immer recht.«
Und in dem bekannten Roman „Effi Briest“:
„ … der Hauslehrer aber stürzte von seinem Platz am unteren Ende der Tafel an das Klavier und schlug die ersten Takte des Preußenliedes an, worauf alles stehend und feierlich einfiel: »Ich bin ein Preuße... will ein Preuße sein.«
»Es ist doch etwas Schönes«, sagte gleich nach der ersten Strophe der alte Borcke zu Innstetten, »so was hat man in anderen Ländern nicht.«
»Nein«, antwortete Innstetten, der von solchem Patriotismus nicht viel hielt, »in anderen Ländern hat man was anderes.«

Die Videos 10 Jahre Tolerantes Brandenburg wurden uns freundlicherweise von Herrn Dr. Dümcke vom Filmbüro Potsdam zur Verfügung gestellt. Wir danken ebenfalls Herrn Herforth für das Manuskript seiner Rede.