
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Potsdamerinnen und Potsdamer,
zu den großen Momenten der Geschichte unseres Landes gehört die Toleranzpolitik des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Sie manifestierte sich im Toleranzedikt von 1685 – ein Meilenstein der europäischen Geschichte.
Das Edikt war Ausdruck der Solidarität und der moralischen Verpflichtung, protestantischen Glaubensbrüdern aus Frankreich zu helfen. Es war aber auch dem Willen geschuldet, einem dünnbesiedelten, ökonomisch schwachen, innovationsarmen Land durch die Hilfe von Einwanderern eine Zukunft zu geben.
Ich sehe heute die Städte in einer großen Verantwortung für die Umbrüche in einer globalisierten Welt. Städte können und müssen Zufluchtsort für Menschen ohne Heimat sein. Städte müssen zum Wohle ihrer eigenen Lebensqualität das Thema Toleranz in den Mittelpunkt stellen.
Potsdam sieht sich in der glücklichen Lage, in den letzten Jahren auch durch die Ansiedlung vieler neuer Unternehmen ein attraktiver Standort für Menschen geworden zu sein. Hier finden sie Arbeit. Aber hier finden sie auch die Lebensqualität für ihre Partner, Kinder, Eltern und für sich selbst. Viele dieser Unternehmen agieren weltweit. Viele Mitarbeiter kommen aus den verschiedensten Teilen dieser Welt, sind manchmal nur für ein oder zwei Jahre in Potsdam. Die Forschungseinrichtungen sind weltweit vernetzt. Der Austausch von Wissen durch den Austausch von Menschen ist lebenswichtig für die in Potsdam ansässigen Einrichtungen und Hochschulen. Potsdam ist ein weltweit bekanntes Ziel für Touristen. Sie tragen ganz wesentlich zu unserem Wohlstand bei.
In Erkenntnis der Verantwortung und der ökonomischen Tatsachen haben wir uns dazu entschlossen, in Erinnerung an das Edikt von 1685 eine Neuauflage desselben zu initiieren. Neben vielen Gemeinsamkeiten und Unterschieden ist eines klar: Das Edikt von Potsdam wird von keinem Fürsten verkündet.
Es sind die Potsdamerinnen und Potsdamer, die das neue Edikt gemeinsam schaffen und vor allem auf Dauer gemeinsam leben. Wir alle, die wir hier leben – ob von Geburt an, vor oder nach dem Mauerfall zugezogen, mit deutschem oder einem anderen Pass tragen zu dieser besonderen Situation bei. Das ist eine alltägliche Aufgabe, eine immerwährende Herausforderung für uns alle.
Es geht dabei eben nicht nur um die Frage der Ausländer allein. Es geht auch um das Verhältnis der Stadträume und Stadtteile zueinander. Es geht um die Alteingesessenen und Zugezogenen, um Ost und West und um unterschiedliche Sichten auf Geschichte und Gegenwart unserer Stadt.
Der vorliegende Text „Für eine offene und tolerante Stadt der Bürgerschaft“ von Professor Kleger ist ein Angebot zur Diskussion. Es soll uns anregen, über unsere Vorstellungen von Toleranz, ihre Bedeutung für diese Stadt und ihre praktische Anwendung und deren Nutzen zu diskutieren. Nur wenn wir auch in unserer alltäglichen Arbeit und Freizeit deutlich machen, dass unsere Stadt offen und tolerant ist, werden wir davon profitieren.
Wir streben an, dass Potsdamer Unternehmen, Vereine, Organisationen und Initiativen in den nächsten Monaten über die Befassung mit den Zielen eines neuen Edikts ihren ganz konkreten Focus auf das Thema werfen. Unser Ziel und unser Wunsch ist es, dass nach dieser Befassung jeweils eine Selbstverpflichtung entsteht, in der sich die Beteiligten im Sinne des Toleranzgedankens zu konkreten Maßnahmen verständigt haben.
Wir wollen auch herausstellen, wie zahlreich schon heute die Aktivitäten der Potsdamerinnen und Potsdamer im Sinne einer offenen und toleranten Stadt sind.
In Zusammenarbeit mit dem Verein pro Wissen Potsdam e.V. – einer Vereinigung von Wissenschaftlern und an der Wissenschaft interessierten Potsdamerinnen und Potsdamern – haben wir die Neuauflage des Edikts von Potsdam als einen Baustein unserer Bewerbung für die Stadt der Wissenschaft im Jahr 2008 benannt.
Ich bin Professor Kleger sehr dankbar für seine Denkanstöße. Gemeinsam mit dem Verein proWissen Potsdam e.V, Norbert Altenhöner und Uwe Carsten Heye entstand der Rahmen für diesen Text. Danken will ich an dieser Stelle auch dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft für seine Unterstützung des Projektes.
Die Herausgabe der Broschüre „Für eine offene und tolerante Stadt der Bürgerschaft“ ist der Anstoß für eine Diskussion bis in den Herbst diesen Jahres. Ich wünsche mir eine engagierte und offene Debatte über Toleranz in Potsdam. Ich hoffe auf viele praktische Selbstverpflichtungen Potsdamer Unternehmen, Vereine und einzelner Bürger als Zeichen der Offenheit, der Neugierde und der Akzeptanz.
Mit freundlichen Grüßen
Jann Jakobs
Oberbürgermeister
Aktuelle Informationen der Landeshauptstadt Potsdam finden Sie zusätzlich auf der Webseite:
www.potsdam.de/toleranzedikt